INTERPLAST – Einsatz in Tansania 2005

Während meiner chirurgischen Zeit im Klinikum Frankfurt Höchst lernte ich Fr. Dr. Wiltrud Spring kennen, die bereits seit mehreren Jahren über eine Patenschaft den Sohn eines Arztes, Dr. Mdeme, aus Tansania finanziell unterstützte und ihm damit sein Medizinstudium ermöglichte.

Dr. Mdeme war mehrere Jahrzehnte lang der Chefarzt des Krankenhauses in Gonja, einer kleinen Ortschaft auf 1700m Höhe in Mitten der Paramountains. Aus Altersgründen gab er seine Tätigkeit im Krankenhaus auf ca 2 Jahre bevor wir kamen. Über Fr. Dr. Spring, die den Kontakt herstellte, und Dr. Mdeme vor Ort konnten wir den Einsatz organisieren.

Unser Team bestand aus 7 Personen:

Dr. Klaus Exner, Fr. Dr. Zeynep Altayli und ich, Dr. Bianca Baican als plastische Chirurgen, Dr. Axel Fischer und Dr. Livia Köhler, als Anästhesisten, Herr Bernd Winters als Sozialarbeiter und Dorothee Köhler als Op Schwester

Das Krankenhaus war in den 50er Jahren von einer Leipziger Mission gebaut worden schon sehr baufällig zu dem Zeitpunkt unseres ersten Einsatzes. Termiten hatten große Teile der tragenden Holzbalken bereits ziemlich angegriffen, der Sterilisator funktionierte nicht und der OP war relativ alt und mitgenommen.

Für die meisten von uns war es der erste Kontakt mit Afrika. Nach unserer Ankunft in Arusha am Fuße des Kilimanjaro organisierten wir uns einen Transport nach Same, dem Bischofssitz, der uns erwartete. Er stellte uns zwei Autos zur Verfügung, die unser 8-köpfiges Team mitsamt unseres Gepäckes und der ca 25 Kisten OP- und Verbandsmaterial ins Krankenhaus bringen sollte. Von Arusha nach Same war es eine gut gebaute Straße, von Same in unser Einsatzort, Gonja , war es eine holprige Sandpiste, so daß unser Transport einen ganzen Tag dauerte. Am Krankenhaus angekommen, war es bereits dunkel geworden. Wir begannen unser Gepäck abzuladen und stellten fest, daß sich immer mehr Menschen mit fragenden Gesichtern um uns versammelten. Schließlich wurde der Krankenhausdirektor, Dr. Amini, informiert und uns fragte, wer wir seien und was wir machen möchten. Etwas verwundert erklärten wir, daß wir das Team aus Deutschland seien, die zum operieren kämen. Er erinnerte sich so etwas gehört zu haben und sagte, daß er nicht damit gerechnet hätte, daß wir tatsächlich auch kommen würden. Somit sei auch keine Unterkunft für uns organisiert worden.

Vollkommen müde und erschöpft von der langen Reise bezogen wir ziemlich enttäuscht und entmutigt unsere notdürftigen Quartiere in dem lokalen Guesthouse. Dieses glich eher einem Gefängnis mit einem Bretterverschlag vor den Fenstern von außen, einem riesigen Schloß an der Tür, das ebenfalls nur von außen zu schließen war und zwei Pritschen pro Zimmer mit einer Glühbirne an der Decke. Die sanitären Anlagen waren auf dem Flur und bestanden aus einer arabischen Toilette und einem Rohr, daß aus der Decke schaute und ein Hahn eiskaltes Wasser laufen ließ.

Am nächsten Tag begannen wir mit unserer Arbeit, packten unser Gepäck aus und untersuchten die ersten Patienten. Uns wurde Schwester Mariam zur Seite gestellt, die gut englisch sprach und für uns übersetzen konnte. Auch mit der Organisation der Patienten und den Verbandswechseln war sie uns eine große Hilfe. Fr. Dr. Altayli und sie freundeten sich sofort an und bildeten ein gutes Team.

Gleich am ersten Morgen nach unserer Ankunft baten wir Bernd Winters in das nächste Dorf zu laufen und ein Telefon zu suchen, damit wir wenigstens unsere Familien davon in Kenntnis setzen konnten, daß wir gut angekommen waren. Bei uns im Krankenhaus gab es weder eine Telefonleitung noch ein funktionierendes Netz um uns in die Lage zu versetzen, mit unserer Außenwelt Kontakt aufzunehmen. Dies erklärte wohl auch die fehlende Kommunikation unseres Einsatzes.

Bernd Winter erhielt eine Liste aller Telefonnummern von uns und machte sich auf zu einem 4 stündigen Fußmarsch in das nächste Dorf.

Geplant war ein 10 tägiger Einsatz, zu dem sich anfänglich wenig Patienten vorstellten. Dies lag wohl am gesunden Mißtrauen der Bevölkerung, die erst sehen wollten, daß die ersten Ops gut verlaufen. So war einer unserer ersten Patienten der Lehrer der lokalen Schule, dem wir einen großen Tumor am Kopf entfernten. Seine Op lief komplikationslos, so daß wir in den folgenden Tagen immer mehr Patienten hatten, die sich mit teilweise sehr seltenen Krankheitsbildern vorstellten.

Wir operierten meist an zwei Tischen parallel. Unsere Patienten kamen mit verschiedenen Tumoren, gut – und bösartigen Ursprungs, mit Verbrennungsfolgen und Klumpfüßen. In den 10 Tagen unseres Einsatzes haben wir ca 70 Patienten operiert. Am letzen Tag in den Parabergen unternahmen wir noch bei Licht einen kleinen Ausflug auf die benachbarte Bergspitze und konnten von dort oben aus die wunderschöne Landschaft Afrikas genießen, die aus einer weitläufigen Ebene ohne Bauwerke bestand.

In der Zeit im Krankenhaus wurde uns ein ca 6 Monate altes Mädchen, Mariam, vorgestellt mit einem nicht vollständig verschlossenen Brustkorb und nur einer häutigen Bedeckung über Herz und Lunge. Bei der Narkoseeinleitung stellte Dr. Fischer fest, daß noch eine weitere Fehlbildung vorhanden war und zwar eine Verbindung zwischen Luft- und Speiseröhre. Somit mußten wir die Narkoseeinleitung abbrechen. Wir sagten der Mutter, wir würden versuchen Spenden zu sammeln und das Kind nach Deutschland zu holen, damit wir es hier entsprechend versorgen können.

Wieder in Deutschland angekommen fanden wir eine Familie aus Tanzania, die sich bereit erklärt hatte, Mariam und ihre Mutter für die Dauer der Behandlung bei sich aufzunehmen. Mit dem Klinikum Höchst konnten wir die Op und die Betreuung auf der Kinderintensivstation organisieren. Mariams Familie mußte nun einen Paß und eine Ausreisegenehmigung für Mutter und Kind beantragen. Dies gestaltete sich so langwierig, daß Mariam leider vorher verstarb, einen Tag bevor sie nach Deutschland fliegen sollte.